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SÜDAFRIKA

Julia 2005/2006

Jakob 04/05

Ich liege auf meinem Bett, es müsste jetzt schon knapp 2 Uhr sein. Es ist eine dieser Naechte, in der man einfach nicht einschlafen kann, zu heiß und zu stickig. Mein großer Bruder liegt neben mir tief schlafend, er schlaeft fuer ein paar Tage mit in meinem Bett. Sein Schnarchen und die Musik vom kleinen Pub, ein Zimmer weiter, machen es besonders schwer. Ich hole meinen Ipod und stöpsle mir die Ohren zu, damit ich schreiben kann, at least.

Ich fange schlicht und einfach an mit Weihnachten, das für mich schlicht und einfach nicht stattfand. Ich kam direkt vor Weihnachten aus Cape Town zurück, von 3 Wochen Ferien, gewohnt bei einer holiday-exchange-family, zusammen mit einer norwegischen Austauschschülerin. Strand, Meer, Sonne, Poolpartys, nette Leute. Das Einzige, was an Weihnachten erinnerte, waren die Weihnachtsmann-Mützen der Straßenverkäufer. Kaum bemerkt kam der 24ste und ich schlief den Tag über - noch muede von der 20 Stunden langen Busfahrt. Es ist Sommer, da haben Tannenbäume nichts zu suchen. Auch geografisch nicht.

Im Dezember ist hier Partyseason. Das Schlimme an diesem Sommer ist aber vor allem, dass er nie aufhört. Auch hier in Joburg spricht man zwar von Sommer und Winter, von heiß und kalt, aber ich als Hamburger kann da nur lachen, die 5 Grad Unterschied! Der Himmel ist der gleiche, die Musik, die Stimmung,  das Essen, die Straßenpartys, die Mode. Alles bleibt ganzjährig gültig: Ein schwarzer Lifestyle. Nicht so, wie wir ihn uns vielleicht vorstellen: american gangstar rapper- schwarz oder jamaica rastafarian; schwarz (gibt es hier zwar auch). Es ist eine moderne afrikanische Kultur, von der man in Europa noch nichts mitgekriegt hat. Einfach da sie nicht von MTV übertragen wird. Diese Kultur erzählt von weit mehr als 100 Jahren Apartheid und gerade mal 10 Jahren Freiheit und einem großen Kampf. Sie erzaehlt von Afrika, von Kwaito (das ist ein Musik-Stil zwischen  Hip-Hop, House und African Pop), von BMWs mit dicken Boxen, von einer "lebenden Nacht", von tanzenden Menschen auf den Strassen, jung und alt, von Converses "Chuck Taylor", von "Black Label"-Bier. Und ich mittendrin, mitten in Soweto, dem groeßten und bekanntesten Township mit ca. 5 Millionen Schwarzen. Man spricht Zulu, Szwana, Shoto, Xtosa und noch einige Sprachen mehr, immer gemischt mit Englisch. Man fährt mit Taxis, kleinen meist vollgestopften Minibussen, die superpraktisch sind; man kommt immer überall hin, und das superbillig. Die Menschen leben in kleinen Häusern, meist mit vielen Verwandten unter einem Dach. Jeder kennt jeden und das Leben findet überwiegend auf der Straße statt ....
 
Nun ist die Hälfte des Jahres schon um und ich bin längst ein Teil des Ganzen und das Ganze ein Teil von mir. Ich habe mich an das Leben hier gewöhnt und lebe nicht mehr nur für das Ziel Rückkehr - wie zu Beginn des Jahres. Habe mich dran gewoehnt mich nur mit einem Wasserhahn waschen zu koennen (benutze Vorzugsweise den Gartenschlauch) und meine Klamotten mit der Hand waschen zu muessen. Habe mich auch daran gewoehnt staendig aufzufallen und von allen Seiten angestarrt zu werden. Viele vor allem der kleinen Kinder haben noch nie in ihrem Leben eine weiße Person gesehen. Man ruft mir "Lechoa" nach (weisser Mann). Ich antworte mit "ge darkie" (Ich bin schwarz).
 
Ich habe drei Gast-Brueder (5, 14 und 23 Jahre alt) und eine große Gast-Schwester (19). Alle sehr tolle Geschwister auf ihre Art und Weise. Meine Gast-Mutter ist eine typische schwarze Mama: Sehr streng, häufig unzufrieden, genervt zu ihren Kindern. Mein Dad ist an sich sehr cool, nur sehe ich ihn kaum. Er verbringt seine Zeit in seinem Pub neben dem Haus, der auch als Clubraum fuer seinen Fußballverein genutzt wird. Man nennt ihn Mandoza, was soviel heißt wie Big Boss.
 
Von den fuenf Austauschschuelern in Soweto bin ich der einzige, der noch nicht seine Familie gewechselt hat. Ziemlich am Anfang schon traf ich einen Musiker und Beatproduzenten, der ein eigenes kleines Homestudio hat. Da wusste ich schon, das Jahr kann nicht wirklich schlecht werden. Seit einer Woche gehe auf ein Musik-College und verbringe meine Tage mit Drums und Klavier spielen, auf der Wiese liegen und Djembesessions. Viele nette Leute, nette Lehrer, aber nicht wirklich das was man unter Schule versteht.

Für die King Edwards High School musste ich zum Friseur. Inzwischen sind meine Haare wieder länger !

Mein Jahr ist auch so vor allem von Ferien gepraegt. Insgesamt habe ich 5 1/2 Monate, das ist die Haelfte des Jahres. Ich habe jetzt zum zweiten Mal die Schule gewechselt. Meine erste war auch ein College in der lauten großen dreckigen Innenstadt von Joburg, die Fuba-School for Drama and Visual Art. Auch nette Leute und nette Lehrer, aber für mich nicht gut, da in meinen Augen desorganisiert und schwer überschaubar. Nach vier Wochen streikten die Schüler und die Schule brach zusammen. Plötzlich brauchte ich ganz schnell eine neue Schule und AFS vermittelte mich zur King Edwards High School, einer Boys School, der "drittbesten von Afrika"; Ich dachte mir: Warum nicht mal diese Seite von Südafrika kennen lernen, weiß, mit Schuluniform, Englishstyle und vielen strengen Regeln. Es gab Muster im Boden, die man nicht betreten durfte oder Abschlussschüler, die die Jüngeren zurechtweisen konnten. Ich wurde auch immer mit Sir gegrüßt und genoss so einige Sonderrechte, ich gehörte halt zu den Alten, womit ich leider recht wenig anfangen konnte. Ich brauchte einfach Leute, mit denen ich anständig reden konnte. Die habe ich dort nicht gefunden. Man merkte, dass den Jungen die Mädchen fehlten ...
 
Meine Augen fangen jetzt an zuzufallen und meine Schrift ist kaum noch lesbar. Meine Gedanken schweifen ab und ich kann Traum und Realität nur noch schwer unterscheiden. Bald werde ich wieder in Deutschland aufwachen, morgens noch ein wenig träumen von Soweto und der Sonne und immer mit den Gedanken zurück fliehen. So wie ich es jetzt mit Hamburg mache. Das Jahr ist schon wieder so gut wie um.
 
Von fern, Jakob